Hinter

dem

Pergament

die

Welt

Der Frankfurter Kaufmann Peter Ugelheimer und die Kunst der Buchmalerei im Venedig der Renaissance

Sonderausstellung
9.3.–10.6.2018
im Dommuseum
Frankfurt

Der Frankfurter Kaufmann Peter Ugelheimer (um 1445–1488) brachte als Verleger, Händler und Sammler den Buchdruck in Venedig zur Blüte. Sein Geschäftspartner war Nicolas Jenson, einer der fähigsten Drucker seiner Zeit und Entwerfer noch heute verwendeter Schriften. Die besten Buchmaler Oberitaliens schmückten die Bücher für Ugelheimers Sammlung mit exquisiten Miniaturen. Ugelheimers Bände gehören heute zu den am besten gehüteten Schätzen von Bibliotheken in aller Welt.

Ugelheimer erfand sich unter den Vorzeichen seiner von tiefgreifenden Veränderungen und scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten geprägten Zeit neu: Den Beruf des Verlegers gab es vorher nicht. Er tauschte das enge, spätmittelalterliche Frankfurt gegen das von der Renaissance geprägte Venedig und gewann dort hohes gesellschaftliches Prestige. Vieles an Ugelheimers Biographie erinnert an Phänomene der Gegenwart: Die Erfindung und ungeheuer schnelle Verbreitung des Buchdrucks als alles verändernde, mit risikoreichen Investitionen verbundene Technologie, die internationalen Handelsbeziehungen und der interkulturelle Austausch, das Entstehen neuer Eliten, die Passion für Luxusgüter, für Kunst.

Alle diese Aspekte beleuchtet die Ausstellung mit einzigartigen Leihgaben aus nationalen und internationalen Bibliotheken, Museen und Archiven. Zeugnisse zu Ugelheimers Lebensumständen, zum Venedighandel und zur frühen Druckkunst lassen ein dichtes Bild der Welt entstehen, in der Ugelheimer sich bewegte. Im Mittelpunkt der Ausstellung aber stehen die Inkunabeln aus Ugelheimers eigener Sammlung: grandiose Buchkunstwerke voller überraschender Bilder und leuchtender Farben, die bis heute die Betrachter in Erstaunen und Bewunderung versetzen.

Ein Kaufmannssohn aus Frankfurt

Peter Ugelheimer wurde um das Jahr 1445 als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns in Frankfurt geboren. Wie viele Frankfurter Kaufleute war auch Ugelheimers Vater bereits im Fernhandel aktiv. Auch mit Büchern hatte Peters Vater bereits gehandelt. Der junge Ugelheimer setzte nun alles auf eine Karte: Er verlegte sein Geschäft um 1475 nach Venedig und ließ sich mit seiner Ehefrau Margarete dort nieder. 1481 sagte er sogar sein Bürgerrecht in Frankfurt auf. Dennoch riss seine Verbindung in die Heimatstadt nicht ab. Sein Schwager und seine Brüder führten die Geschäfte in Frankfurt, ein andrer Bruder war Kanoniker an der bedeutendsten Frankfurter Stiftskirche, St. Bartholomäus. Auch auf den internationalen Frankfurter Handelsmessen waren Ugelheimer oder seine Partner regelmäßig vertreten.

Die Hinterhäuser der Häuser Rothe Ochse, Zum Wolf und Falkenstein, in denen sich das Leben der Ugelheimer und Blum in der Fahrgasse abspielte.

(Graphische Sammlung der Museumslandschaft Hessen Kassel)

Ein Sammelband mit venezianischem Buchschmuck aus dem Besitz des Stadtschultheißen Ludwig von Marburg zum Paradies.

(Frankfurt am Main, Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Inc. fol. 299)

Verleger in Venedig

In Venedig wurden Peter und Margarete Ugelheimer angesehene Mitglieder der Stadtgesellschaft. Sie wohnten nicht bei den deutschen Kaufleuten im Fondaco dei Tedeschi, sondern besaßen ein oder mehrere Anwesen in der Stadt. Hier beherbergten sie hochstehende Reisende aus dem Norden und verhandelten für sie mit den Reedern und den venezianischen Behörden.

Was veranlasste Peter zur Emigration nach Venedig? Ugelheimer erkannte das Potential des Buchdrucks – wie auch der Stadtrat von Venedig. Die fortschrittlichsten Städte konkurrierten um Wissen und Investoren für die neue Technologie, setzten Zunftordnungen außer Kraft und erleichterten den ausländischen Fachkräften Niederlassung und Geschäftsausübung. So fand Ugelheimer in Venedig mit dem französischen Schriftentwerfer und Drucker Nicolas Jenson (1420–1480) den idealen Partner für sein Unternehmen. Jenson und Ugelheimer experimentierten mit Schriften und druckten hohe Auflagen: Übersetzungen antiker Texte, Kirchenrechtsbücher, theologische Traktate. Gleichzeitig baute Ugelheimer ein Vertriebsnetz in ganz Italien auf.

Die erste gedruckte Stadtansicht Venedigs, die Erhard Reuwich schuf, nachdem er bei Ugelheimer gewohnt hatte.

(Aschaffenburg, Hofbibliothek, Inc. 75)

Die schöne Antiqua-Type des französischen Druckers Nicolas Jenson ahmt die Minuskelschrift der Humanisten nach.

(Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Guelf. 8.11. Hist. 20)

Die schönsten Bücher der Welt

Ugelheimers Passion für Bücher beschränkte sich nicht auf die Produktion und auf den Handel. Ganzseitige Miniaturen, ausgeführt von den besten italienischen Buchmalern seiner Zeit, schmücken seine eigenen, auf Pergament gedruckten Inkunabeln. Wir blicken auf arkadische Landschaften, bewohnt von Tieren und Faunen, auf gedankenverlorene Philosophen, auf antike Architekturen, auf luxuriöse, illusionistisch gemalte Goldschmiedekunst. Die Einbände, aufs Feinste mit goldgeprägtem, durchbrochenem Leder verziert, imitierten orientalische Vorbilder. Und überall findet sich das Wappen des Frankfurters: die silberne Fessel auf blauem Grund. In seiner Sammlung spiegelt sich der Anspruch Ugelheimers: Niemand besaß zu seiner Zeit Besseres – Könige und Adlige nicht, auch nicht die Patrizier der reichen Handelsstädte. Für kurze Zeit – Ugelheimer stirbt schon 1488 – war er der stolze Besitzer der schönsten Bücher der Welt.

Faune, Seeungeheuer und Heilige bevölkern die Bordüre von Ugelheimers Brevier von 1478.

(Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Guelf. 8.11. Hist. 20)

In Ugelheimers Band mit Kirchenrecht thront der Athener Gesetzgeber Solon unter einem Triumphbogen. Die Bordüren sind mit antiken und zeitgenössischen Schmuckstücken verziert.

(Gotha, Forschungsbibliothek, Mon. Typ. 1481, 2° 10)